Donnerstag, Juli 18, 2024
Body

Fett statt Zucker

„Weniger Fett, mehr Dicke.“

Die Rehabilitierung der Fette ist seit einigen Jahren in vollem Gange. Ulrike Gonder und Nicolai Wurm („LOGI-Methode“) sind zwei Autoren, die die althergebrachten Empfehlungen vieler Ernährungsinstitute kritisch betrachten und ein fundiertes Plädoyer für die wichtige Rolle des Fetts in unserer Ernährung abliefern.

In dem Buch werden die Ränkespiele zwischen Nahrungsindustrie, Ernährungsinstitutionen und Expertengremien ausführlich beleuchtet. Unangenehm zu lesen, wie auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung Lobbyarbeit betrieben wird. Spätestens seit den 70er Jahren wurde den Verbrauchern immer wieder die Kausalität zwischen fettreicher Ernährung, erhöhtem Cholesterin-Spiegel und koronarer Herzkrankheit eingebläut – auch wenn die wissenschaftlichen Beweise dafür längst nicht klar waren. Die Autoren zitieren eine Reihe von Studien, die belegen, dass eine kohlenhydratreduzierte (Low-Carb-)Ernährung weitaus deutlichere und nachhaltigere Erfolge bei der Gewichtsreduktion als Low-Fat aufweisen kann. Wenn man weiß, dass ein Sättigungsgefühl im Wesentlichen durch Volumen und Gewicht des Mageninhalts („wenn der Ranzen spannt“) bestimmt wird, ist klar, dass die Energiedichte der Nahrung bestimmt, wie viele Kalorien man zu sich nimmt (vorausgesetzt man spürt noch, wenn man satt ist). Langzeitstudien zeigen keinen Zusammenhang zwischen dem Fettanteil der Nahrung und der Entwicklung des Körpergewichts.

Fett und Herz-Kreislauf-Risiko

Auch gibt es keinen Beleg für eine Erhöhung des Herz-Kreislauf-Risikos: Man muss aber schon genauer hinschauen und nach den verschiedenen Fettsäuren differenzieren; dass Transfette hochgradig schädlich sind, ist allgemein akzeptiert, ansonsten tobt noch der Streit über den optimalen Mix zwischen ungesättigten und gesättigten Fettsäuren. Die Autoren betonen allerdings die gefäßschützende Wirkung von mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren (Hering, Lachs, etc) – aber das Verhältnis zu Omega-6-Fettsäuren muss stimmen. Gonder und Worm skizzieren auch den Stand der Erkenntnis zum Einfluss der Ernährung auf Krankheiten wie Alzheimer und Krebs. Bei vielen Krankheiten ist der Stoffwechsel der beteiligten Zellen auffällig (z.B. sauerstofffreie Vergärung statt Oxidation bei Krebszellen), was es nahelegt, dass spezielle Ernährungsformen durchaus großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben. Knapp gesagt gibt es viele Anzeichen dafür, dass Alzheimer durch eine Störung der Energieversorgung der Nervenzellen entsteht – eine ketogene Ernährung scheint eine Reihe positiver Wirkungen zu haben. Interessant zum Nachblättern auch die jeweils 2-3-seitigen Porträts der wichtigsten Fettarten (Leinöl, Kokosöl, Milchfett und Butter, etc). Ist Ihnen das alles zu kompliziert? Verständlich, dass es kaum jemand schafft, alle dies Ratschläge in die tägliche Ernährung umzusetzen. Es bleibt zu hoffen, dass es den Experten gelingt, die komplexen Zusammenhänge (welche Fette soll man denn nun nehmen?) in eine verständlichere Form zu übersetzen, damit die Gesundheit der Bevölkerung wirklich davon profitiert.

OriginalitätErkenntnisgewinn
VerständlichkeitSpaßfaktor
Ulrike Gonder, Nicolai Worm: Mehr Fett! Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein. Systemed Verlag, 2010, 218 Seiten.
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