Donnerstag, Juli 18, 2024
Mind

Ich denke, also heile ich.

“Brain over Body! Es bedeutet, dass Sie mit Ihrem Gehirn, also über Gedanken, die Physiologie des Körpers steuern und verändern und so Gedanken ganz gezielt als Medizin einsetzen können.”

„Das ist psychosomatisch!“ Ganz sicher kennen Sie diesen Satz, der klar machen soll, dass einer Krankheit keine wirklich körperliche Ursache zugrunde liegt. Der Neurobiologe und Anhänger evidenzbasierter Medizin Täuber entlarvt diese vermeintliche Trennung von physischen und psychischen Vorgängen und erläutert, wie Meditation und Mentaltraining Selbstheilungsprozesse anstoßen können.

Zunächst gilt es, die wesentlichen Hirnbereiche und ihre Aufgaben zu verstehen: Der präfrontale Cortex als Teil der Großhirnrinde (die graue Furchenlandschaft ganz oben) sorgt für Verstand, Wille und Aufmerksamkeit, drei Phänomene, die i.d.R. unserer bewussten Wahrnehmung und Kontrolle unterliegen. Richtung Hals und Nacken steuert der Hirnstamm ohne bewusstes Zutun Atmung, Schluckreflex, Blutdruck u.ä. Dazwischen liegt als limbisches System der größte Teil unserer Psyche und unseres Unbewussten. Das limbische System kommuniziert nach unten (Richtung Hirnstamm und Körper) mit elektrischen und chemischen Befehlen für Drüsen, Muskeln, Nervensystem etc. Nach oben Richtung Bewusstsein werden die limbischen Botschaften als Empfindungen (Angst, Ärger, Freude, Trauer, ..) wahrgenommen.

Die Amygdala lernt, was wir aus Angst meiden sollten – allein der Gedanke an Höhen oder Spinnen kann ausreichen, um den Alarmknopf zu drücken. Die Basalganglien speichern unsere Muster und Gewohnheiten fürs Denken, Fühlen und Tun. Das vegetative Nervensystem (mit dem anregenden Sympathikus und entspannenden Parasympathikus) wird i.w. vom Hypothalamus gesteuert und durchzieht den ganzen Körper.

Die richtige Balance aus Stressaktivierung und -beruhigung ist wesentlich für unser psychisches Wohlergehen. Im wesentlichen existieren zwei Stressachsen: die unmittelbar wirkende neuronale Stressachse (SAM-Achse), bei der die Amygdala Signale an den Hypothalamus sendet, dieser das Protein CRH produziert, das den Sympathikus aktiviert und dazu führt, dass in der Nebenniere Adrenalin und Noradrenalin produziert werden, was wiederum Herz und Atmung beschleunigt, Blutdruck und Aufmerksamkeit steigen lässt und die Muskeln anspannt. Bei der langsam wirkenden Stressachse HPA stimuliert der Hypothalamus durch CRH die Hypophyse, die über das Hormon ACTH Nebennieren den Befehl gibt, das Stresshormon Kortisol zur Verfügung zu stellen. Kortisol dockt auch im Gehirn an den Hippocampus an, was schließlich wieder zur Beruhigung führt.

Stress macht auch vor unseren Muskeln nicht halt. Dies betrifft auch die glatte Muskulatur, die innere Organe und Atemwege umspannt und unserer Willenskraft nicht direkt zugänglich ist. Bluthochdruck, Reizdarm, Asthma oder Migräne können daraus resultieren.

Täuber erläutert auch die Rolle von Zytokinen bei der Immunabwehr, die Bedeutung von Entzündungsfaktoren bei vielen Krankheiten und den Zusammenhang von chronischem Stress und den Abwehrkräften: Das erhöhte Kortisol dämpft die Aktivität von Th1-Helferzellen des Immunsystems, was zu einem höheren Risiko für Infektionen und vielen gravierenden Krankheiten führt. Stress ist der Schlüsselfaktor chronischer Erkrankungen.

Umgekehrt kann tiefgreifende Entspannung über den Parasympathikus, insbesondere über den zehnten Hirnnerv (Nervus vagus), dafür sorgen, dass sich der Griff der Muskulatur um die Organe lockert und viele Krankheiten sich bessern.

Soweit so gut (und nicht ganz neu), aber welche Methoden sind nun geeignet, um den Parasympathikus zu aktivieren? Effektiv sind beispielsweise die Progressive Muskelentspannung (PME) nach Jacobson, die an die Transzendentale Meditation™ angelehnte Meditation nach Benson, die von Kabat-Zinn propagierten Achtsamkeitsübungen (Mindfulness-based stress reduction (MBSR)) oder die Vagus-Meditation (nach Schnack o.ä.). Täuber ist der Meinung, dass Meditationen (insbes. TM) die klassischen Entspannungstechniken um Längen schlagen: „Insbesondere die Konzentration auf ein Mantra und die Achtsamkeit lege ich Ihnen sehr ans Herz“.

Leider geht’s ab hier unstrukturiert und sprunghaft weiter: Täuber diskutiert (oder kritisiert?) viele weitere Methoden, wie z.B. Akupunktur, Akupressur, Homöopathie, Reiki, einige Spielarten des Placebo-Effekts, Hypnosetherapie nach Erickson, Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) zur Konfrontationstherapie bei Ängsten, Klopf-Akupressur, u.a.m. Es bleibt leider unklar (oder gut im Text versteckt), welche dieser Therapieformen wissenschaftlich belegt signifikant helfen.

Insgesamt eine gute Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Körper, Geist und Gesundheit. Leider ist die Bewertung der Wirksamkeit der Therapieformen zu unstrukturiert und zu ungenau, um daraus direkten Nutzen zu ziehen.

Originalität Erkenntnisgewinn
Verständlichkeit Spaßfaktor
Marcus Täuber: Gedanken als Medizin. Goldegg Verlag, 2020, 182 Seiten.
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