Donnerstag, Juli 18, 2024
Science

In dubio pro veritate

„Auch wir kennen die Wahrheit des 11. Septembers nicht, wir wissen nicht, was an diesem Tag wirklich geschah; aber wir kennen die Lügen über den 11. September und wir wissen, wer sie in die Welt gesetzt hat.“

Genug von Verschwörungstheorien? Ja, absolut!
Aber Brökers / Walther tragen hier alle Unzulänglichkeiten des Berichts der Untersuchungskommission so akribisch zusammen, dass es schwerfällt, die offizielle Version wirklich zu glauben.

Der 11.9.2001 hat sich tief in das globale Gedächtnis eingegraben, wir haben die Bilder der in die Zwillingstürme rasenden Flugzeuge und den Einsturz der Gebäude mit mehr als 3000 Toten vor Augen. Da sich um viele Ereignisse wie den Selbstmord Marilyn Monroes 1962, das Attentat auf John F. Kennedy 1963 (‚aufgeklärt‘ von der Warren-Kommission) oder die erste Mondlandung 1969 diffuse Verschwörungstheorien ranken, die häufig von zweifelhaften Personen mit dürftiger Faktenlage vorgetragen werden, haben viele Bürger verständlicherweise kein Interesse, ihre Zeit damit zu vergeuden.

Brökers / Walther gehen hier etwas anders vor: sie präsentieren keine schlüssige Gesamttheorie für die Vorgänge rund um den 11.9., sondern zerpflücken sukzessive die wesentlichen Aspekte des Commission Reports der US-Regierung, um zu zeigen, dass es so nicht gewesen sein kann.
Dies beginnt bei der Zusammensetzung und Arbeitsweise der Untersuchungskommission, betrifft die Glaubwürdigkeit der Kronzeugen, und viele Fragwürdigkeiten rund um den Anschlag, z.B.:

  • Gibt es Beweise für die Schuld Osama Bin Ladens?
  • Ist Khalid Scheich Mohammed (seit 2002 ohne Prozess inhaftiert im Lager Guantánamo) wirklich der Mastermind hinter den Verbrechen?
  • Woher stammen die Mittel für die Finanzierung der Anschläge?
  • Welche Rolle spielte der pakistanische Geheimdienst ISI und sein Mitarbeiter Omar Said Sheikh (der angeblich bis heute im pakistanischen Gefängnis sitzt)?
  • War Mohammed Atta wirklich ein radikaler Islamist und Anführer der Selbstmordterroristen?
  • Sind die Hijackers wirklich eindeutig identifiziert und als Täter überführt?
  • Gab es wirklich auffällige Börsenwetten gegen die Fluggesellschaften United und American Airlines in den Tagen vor dem 11.9.2001?
  • Wieso dauerte es fast 2 Stunden bis Kampfjets versuchten, die entführten Flugzeuge abzufangen?
  • Was ist die Rolle der Rüstungsfirma Raytheon Technologies, die für das Pentagon ein Fernsteuerungssystem für Passagierflugzeuge entwickelt hatte?
  • Warum ist das Gebäude World Trade Center 7 eingestürzt?

Nach Lesen des Buches stellt sich zunächst unglaubliches Staunen über diese Vielzahl von Ungereimtheiten ein. Wurde die Öffentlichkeit wirklich so an der Nase herumgeführt? Aber sofort kommt die Gegenreaktion: kann man diesen Autoren denn trauen oder versuchen sie mit der Vielzahl von Spekulationen Zweifel und Misstrauen an den staatlichen Stellen zu sähen, um mit hoher Auflage davon zu profitieren? Warum haben nicht längst andere Investigativjournalisten diese Punkte aufgegriffen und genauer untersucht? Oder sind die meisten dieser Fragwürdigkeiten nicht schon längst zufriedenstellend beantwortet?

Man muss Brökers / Walthers zugestehen, dass sie zum einen fast alle ihrer Punkte mit Links zum Commission Report und anderen Quellen formal sehr gut untermauern. Zum anderen geben sie nicht vor, die perfekte Erklärung für alle Vorgänge zu haben, sondern zeigen nur die Unzulänglichkeiten der offiziellen Version auf und geben Hinweise, in welche Richtung zu ermitteln sei und welche Zeugen gehört werden sollten. Trotzdem bleibt der Leser irritiert und fragend zurück. Wo ist die Reaktion der offiziellen Stellen und weiterer Journalisten, um die offenen Fragen zu beantworten? Wir brauchen weitere Aufklärung.

Originalität Erkenntnisgewinn
VerständlichkeitSpaßfaktor
Mathias Bröckers, Christian C. Walthers: 11.9. Zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes. Westend Verlag, 4. Aufl. 2011, 320 Seiten.
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