Mittwoch, Juli 17, 2024
Science

Per Anhalter durchs 21. Jahrhundert

„In einer Welt, die überflutet wird von bedeutungslosen Informationen, ist Klarheit Macht.“

Die drängendsten Fragen der Zeit will Harari hier diskutieren – aber leider findet sich in den Antworten wenig Neues, sondern eher ein Aufguss von schon Gelesenem. Er bleibt ein Top-Strukturierer, und oftmals steckt die Antwort schon in der guten Struktur der Frage – aber ein bisschen mehr Erkenntnisgewinn dürfte es schon sein.

Harari versucht, an seinen großen Erfolg „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ anzuknüpfen und seziert die drängendsten Fragen der Gegenwart. Grundannahme ist ein existenzielles Bedrohungsszenario, bei dem durch große Fortschritte in Bio- und Informationstechnologie den meisten Menschen eine wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit droht, die Macht sich von dem Menschen auf Algorithmen verschiebt und Individuen zu Details in einem globalen Datenverarbeitungssystem werden. Steuern wir auf ein totales Überwachungsregime mit einer Aufspaltung in Kasten zu, wo nur die Privilegierten sich Lebensverlängerung und Verbesserung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten leisten können? Zudem droht der ökologische Kollaps in Form von Klimawandel und Artensterben – Herausforderungen, die nur global, nicht nationalistisch zu lösen sind. Religionen sieht Harari eher als Teil des Problems, denn als Teil der Lösung, da sie auch schon in der Vergangenheit bei Problemen wie Ernteausfällen, Rezession oder Krankheiten wenig Expertise einbringen konnten („Wie schon Karl Marx befand, ist Religion nichts weiter als Fassade“). Was also tun?

Zum einen empfiehlt Harari Nationen, Religionen und Kulturen Demut und ihre eigene Rolle mit mehr Bescheidenheit zu betrachten. Auch Gründe für den Glauben an einen Gott, der die Welt erschaffen und die Naturgesetzte begründet hat, werden schnell zerpflückt – „auch der Säkularismus kann uns mit den Werten versorgen, die wir brauchen“.

Die Welt wird stetig komplizierter und die Menschen haben weiterhin die Illusion zu wissen, was vor sich geht. Zudem krümmt Macht (d.h. bestehende Strukturen) die Wahrheit wie ein Schwarzes Loch den Raum ringsum. Revolutionäre Erkenntnis entsteht nur an den Rändern, wenn Sie es schaffen, neben viel krudem Irrsinn das Relevante herauszufiltern, und Sie sich die Freiheit nehmen, auch Zeit mit der Beschäftigung mit vermeintlich Unnützem zu verplempern. Überbordende Komplexität entsteht auch bei moralischen Fragen – oder halten Sie sich wirklich noch für kompetent, bei globalen Konflikten zu beurteilen, wer im Recht ist? Die Menschheit ist für Propaganda empfänglich – Harari zitiert Goebbels: „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben.“ Sie glauben doch sicher auch, dass Coca-Cola Sie jugendlich und sportlich hält?

Wenn der Wandel sich beschleunigt und wir nicht wissen, welche Fertigkeiten 2050 gebraucht werden, ist dann Bildung und die Fähigkeit, mit Veränderung umgehen zu können, die Lösung? Um relevant zu bleiben, wird man auch in höherem Alter fortwährend lernen und sich neu erfinden müssen. Wie lernt man geistige Flexibilität und emotionale Ausgeglichenheit trotz massiver Veränderungen?

Wenn Sie nicht alle Macht an Algorithmen abgeben und Kontrolle behalten wollen, müssen Sie unentschlüsselbar sein und sich selbst erkennen, bevor es Amazon oder Google tun. Bei der Frage nach dem Sinn des Lebens bekommt Harari Gelegenheit, eines seiner Lieblingsthemen in den Diskurs einzubauen: die Bedeutung von Mythen in Nationalismus, Kommunismus und Liberalismus. Hilft uns das bei der Lösung der zu Beginn genannten Herausforderungen und globalen Bedrohungslage? Nein, aber er schließt mit Lebenshilfe-Tipps: Meditation fördert Konzentration und ist ein wertvolles Instrument, um den menschlichen Geist zu verstehen… Der Vorhang fällt und viele Fragen offen.

Originalität Erkenntnisgewinn
VerständlichkeitSpaßfaktor
Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. C.H. Beck Verlag, 2. Aufl. 2018, 459 Seiten.
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